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Kreditanalysten glauben fest daran: War ein Unternehmen in der Vergangenheit erfolgreich, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es auch künftig erfolgreich sein wird. Zumindest höher als bei einem bislang erfolglosen Unternehmen. Darum ist die Jahresabschlussanalyse mit dem Blick in die Unternehmensvergangenheit für die Bank immer noch das wichtigste Instrument zur Einschätzung der Kreditwürdigkeit eines Unternehmens.

Die einzelnen Bilanzpositionen isoliert betrachtet, sagen allerdings wenig über Erfolg und Stabilität eines Unternehmens aus. Erst wenn die Zahlen zueinander ins Verhältnis gesetzt, also Kennzahlen gebildet werden, ergeben sich aussagefähige Informationen zur wirtschaftlichen Lage des Unternehmens.

Die Beobachtung der Kennzahlen über einen längeren Zeitraum hinweg offenbart interessante Aussagen über die Entwicklung des eigenen Unternehmens. Der Vergleich mit Kennzahlen anderer Unternehmen der Branche erlaubt Ihnen eine fundierte Beurteilung der eigenen wirtschaftlichen Situation und eine Einordnung der eigenen Stellung im Wettbewerb.

In diesem Beitrag erfahren Sie, wie die wichtigsten Kennzahlen berechnet werden und warum jede von ihnen Informationen preisgibt, die nicht nur für Geldgeber, sondern vor allem für Sie als Unternehmer*in interessant sind.

 

Inhalt

Kennzahlen zur Kapital- und Vermögensstruktur

Kennzahlen zum Unternehmenserfolg

Kennzahlen zur Unternehmensliquidität

 

 

Kennzahlen zur Kapital- und Vermögensstruktur

 

Eigenkapitalquote

Schlägt ein Banker die Bilanz auf, geht sein erster Blick in der Regel zur Position „Eigenkapital“. Die Eigenkapitalquote, als eine der zentralen Kennzahlen, setzt das Eigenkapital in Relation zur Bilanzsumme. Sie zeigt also, zu welchem Prozentsatz das Unternehmensvermögen mit Eigenkapital finanziert ist. Die Eigenkapitalquote lässt sich ganz einfach berechnen:

 

Eigenkapitalquote = (Eigenkapital / Bilanzsumme) x 100

 

Eigenkapital ist das Fundament einer stabilen Unternehmensfinanzierung. Anders als mit Fremdkapital kann das Unternehmen mit Eigenkapital ohne Einschränkungen arbeiten. Auch muss es nicht zurückbezahlt werden und kann bei drohender Insolvenz vom Geldgeber nicht einfach zurückgefordert werden. Für Eigenkapital müssen keine fest vereinbarten Zinsen bezahlt werden. Die Kapitalgeber werden auf Basis der im Unternehmen erwirtschafteten Gewinne bezahlt. Macht das Unternehmen keinen Gewinn, gehen sie leer aus. Je weniger Zins- und Tilgungszahlungen das Unternehmen belasten, desto leichter lassen sich mögliche künftige Verluste auffangen.

Es gibt keine feste Regel, wie hoch die Eigenkapitalquote sein sollte. In der Praxis gilt ein Unternehmen mit einer Eigenkapitalquote von mindestens 30 % als solide finanziert.

Generell gilt: Je höher die Eigenkapitalquote, desto stabiler das Unternehmen.  Einen entsprechend hohen Einfluss hat die Eigenkapitalquote deshalb auf das Ratingergebnis.

Wie bei allen anderen Kennzahlen auch, ist die Höhe dieses Wertes branchenabhängig. Bei Produktionsunternehmen mit entsprechend hohem Anlagevermögen, wird eine höhere Eigenkapitalquote gefordert als bei reinen Dienstleistungs- und Handelsunternehmen.

 

Verschuldungsgrad

Der Verschuldungsgrad eines Unternehmens berechnet sich aus der Relation von Fremdkapital zum Eigenkapital. Damit entwickelt er sich entgegengesetzt zur Eigenkapitalquote. Steigt die Eigenkapitalquote sinkt der Verschuldungsgrad und umgekehrt.

 

Verschuldungsgrad = (Fremdkapital / Eigenkapital) x 100 

 

Grundsätzlich gilt, je höher der Verschuldungsgrad eines Unternehmens desto abhängiger ist es von externen Gläubigern. Das wird spätestens dann gefährlich, wenn Banken nervös werden und ihr Geld zurückfordern. Diese dürfen Kredite unter bestimmten Voraussetzungen kündigen, sollten sich die Vermögensverhältnisse des Unternehmens verschlechtern. In der Praxis habe ich es immer wieder erlebt: Kündigt eine Bank den Kredit ziehen die anderen Banken sofort nach. Dann ist die Insolvenz nicht mehr aufzuhalten.

 

 

Anlagenintensität

Die Anlagenintensität sagt aus, wie flexibel ein Unternehmen auf Konjunkturschwankungen reagieren kann. Je niedriger der Anteil des Anlagevermögens, desto flexibler kann der Betrieb auf positive oder negative Auslastungsschwankungen reagieren.

 

Anlagenintensität = (Anlagevermögen / Bilanzsumme) x 100

 

Nicht nur aus diesem Grund ist die Frage „kaufen oder leasen“ vor jeder größeren Investition berechtigt. Beim Kauf einer Maschine wird diese in der Bilanz des Unternehmens ausgewiesen. Dadurch vergrößert sich das Anlagevermögen und damit die Anlagenintensität. Wird die Maschine auch noch weitgehend mit Fremdkapital finanziert, erhöhen sich auf der Passivseite der Bilanz die Verbindlichkeiten und der Verschuldungsgrad steigt.

Wird die Maschine jedoch geleast, erscheint sie nicht im Anlagevermögen des Unternehmens, sondern im Vermögen der Leasinggesellschaft. Weil auch kein Kredit aufgenommen werden muss, verändert sich beim Leasing die Bilanzstruktur nicht.

 

Deckungsgrad

Die verschiedenen Deckungsgrade stellen einen Zusammenhang zwischen Kapitalstruktur und Vermögensstruktur der Bilanz her. Im Mittelpunkt steht der Grundsatz der Fristenkongruenz. Danach sollen langfristige Vermögensgegenstände wie Immobilien, Maschinen und Anlagen ausschließlich über Eigenkapital oder langfristige Darlehen finanziert werden.

 

Deckungsgrad 1 = (Eigenkapital / Anlagevermögen) x 100
Deckungsgrad 2 = ((Eigenkapital + langfristiges Fremdkapital) / Anlagevermögen) x 100

 

Der Deckungsgrad II sollte auf jeden Fall über 100 % liegen, damit auch noch ein „Bodensatz“ des Umlaufvermögens über langfristiges Kapital finanziert ist. Der „Bodensatz“ ist der eiserne Bestand an „Vorräten“ und das Minimum an „Forderungen aus Lieferung und Leistung“, die immer im Unternehmen vorhanden sind.

 

Investitionsquote

Unternehmen, die nicht regelmäßig in notwendige Maschinen und Anlagen investieren, sind irgendwann nicht mehr wettbewerbsfähig. Fallen Maschinen und Anlagen aus, steht die Produktion. Darum wird eine hohe Investitionsquote grundsätzlich positiv beurteilt. Allerdings muss die Investitionsquote über einen längeren Zeitraum beobachtet werden. Wurden in einem Jahr viel investiert, darf es in den Folgejahren weniger sein.

 

Investitionsquote = (Investitionen / Anlagevermögen) x 100
Nettoinvestitionsquote = ((Investitionen – Abschreibungen) / Anlagevermögen) x 100

 

Eine geringe Nettoinvestitionsquote ist ein Anzeichen, dass lediglich vorhandenes Vermögen ersetzt wurde. Wachsende Unternehmen weisen eine hohe Nettoinvestitionsquote aus.

Die Investitionsquote ist eine Kennzahl mit eingeschränktem Aussagewert. Wie hoch die Investitionsquote sein sollte hängt von der Branche ab. Werden Maschinen und Anlagen geleast statt gekauft, wirkt sich das Geschäft nicht auf die Investitionsquote aus. Das Unternehmen laufend investiert.

 

Mein Tipp: Die Bank lädt ihre Kreditnehmer jährlich zur Bilanzbesprechung. Lassen Sie bei dieser Gelegenheit erklären, wie Ihre Ratingeinstufung zustande gekommen ist und wie Ihr Unternehmen im Branchenvergleich steht. Bei den Ratingauswertungen sind in der Regel auch die Vergleichszahlen der Branche dabei. Manchmal geben Banken Kopien ihrer Auswertungen raus.

 

Kennzahlen zum Unternehmenserfolg

 

Ein Jahresgewinn von einer Million Euro: Ein fantastisches oder eher ein bescheidenes Ergebnis? Kommt darauf an… Wer musste was und wieviel dafür leisten? Erfolgskennzahlen setzen Ertragszahlen in Relation zum dafür geleisteten Einsatz. Damit erlauben sie den Ursachen für Erfolg oder Misserfolg auf die Spur zu kommen.

 

Umsatzrentabilität

Die Umsatzrentabilität, auch Umsatzrendite genannt, stellt den auf den Umsatz bezogenen Gewinnanteil dar. Eine Umsatzrendite von 10% bedeutet, dass mit jedem umgesetzten Euro ein Gewinn von 10 Cent erwirtschaftet wurde. Eine steigende Umsatzrentabilität deutet bei unverändertem Verkaufspreis auf eine zunehmende Produktivität im Unternehmen hin, während eine sinkende Umsatzrentabilität auf sinkende Produktivität und damit steigende Kosten hinweist.

Umsatzrendite = (Gewinn / Umsatz) x 100

Um diese Kennzahl nicht durch außerordentliche Ergebnisfaktoren zu verfälschen, wird für die Erfolgsbeurteilung meist das „Betriebs- + Finanzergebnis“ und nicht der Gewinn zugrunde gelegt. In diesem Ergebnis sind weder außerordentlichen Erträge und Aufwendungen noch Steuern enthalten, die das Ergebnis verfälschen können.

Die Höhe der Umsatzrendite ist stark branchenabhängig. Im Einzelhandel (vor allem im Lebensmitteleinzelhandel) ist sie deutlich niedriger als in anlageintensiven Produktionsunternehmen. Dort gelten Unternehmen erst mit einer Umsatzrendite größer 10 % als renditestark.

 

Eigenkapitalrentabilität

Eigenkapital haftet für alle Verpflichtungen des Unternehmens. Anders als beim Fremdkapital (Kredit) werden für Eigenkapital keine Sicherheiten gestellt. Geht etwas schief, ist das Geld meist komplett verloren, da alle Verbindlichkeiten vollständig bezahlt sein müssen, bevor ein Eigenkapitalgeber sein eingesetztes Kapital zurückbekommt. Entsprechend hoch sind die Renditeerwartungen der Eigenkapitalgeber. Sogar in der jetzigen Niedrigzinsphase erwarten auch mittelstandsorientierte Beteiligungsgesellschaften selbst bei etablierten Unternehmen eine Rendite von mehr als 10 % p.a. auf das eingesetzte Kapital.

Eigenkapitalrendite = ((Betriebs- + Finanzergebnis) / Eigenkapital) x 100

Im übrigem sollten nicht nur externe Investoren, sondern auch die Unternehmer selbst für ihr eingesetztes Kapital diese Renditeanforderungen stellen.

Die Eigenkapitalrendite isoliert betrachtet, sagt aber noch nicht viel über den Unternehmenserfolg aus. Bei konstanter Ertragssituation ist die Eigenkapitalrendite umso höher, je weniger Eigenkapital eingesetzt ist. Deshalb ist es sinnvoll, parallel auch einen Blick auf die Gesamtkapitalrentabilität zu werfen.

 

Gesamtkapitalrentabilität

Zur Berechnung der Gesamtkapitalrendite werden zur Summe aus Betriebs- und Finanzergebnis die bezahlten Fremdkapitalzinsen wieder addiert, da sie den schon ausbezahlten Teil der Kapitalkosten darstellen und bei Berechnung der Gesamtkapitalrentabilität mitberücksichtigt werden müssen.

Gesamtkapitalrendite = ((Betriebs- + Finanzergebnis + Zinsaufwand) / Bilanzsumme) x 100

Die Gesamtkapitalrentabilität zeigt, wie das gesamte, im Unternehmen gebundene Kapital verzinst wird. Da die Zinsen für Fremdkapital deutlich niedriger sind, als die Renditen, die Eigenkapitalgeber erwarten, ist es durchaus sinnvoll, das Unternehmen teilweise über Krediten zu finanzieren. Wie im Teil I zum Thema „Eigenkapitalquote“ ausgeführt, ist auf ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Eigen- und Fremdkapital zu achten, um die Unternehmensstabilität nicht zu gefährden.

 

Cash-flow und Cash-flow-Rate

In der Bilanzbesprechung mit Ihrer Bank werden Sie früher oder später mit dem Begriff „Cash-flow“ konfrontiert. Eines vorneweg: Es gibt weder eine sinnvolle deutsche Übersetzung des Begriffes noch einen einheitlichen und ausschließlich gültigen Weg diesen Wert zu berechnen.

Prinzipiell sagt der Cash-flow aus, inwieweit das Unternehmen in der Lage ist, sich aus eigener Kraft zu finanzieren (Innenfinanzierungskraft).

In der Bankpraxis wird der Cash-flow üblicherweise wie folgt berechnet:

Kennzahl

Der Cash-flow informiert darüber, welche Zins- und Tilgungsleistungen das Unternehmen erbringen kann. Gerade bei Unternehmen, die regelmäßig investieren, vermindern hohe Abschreibungen den Gewinn. Abschreibungen sind keine Ausgaben, das heißt, es bleibt mehr Geld im Unternehmen als der Gewinn ausweist.

Die Cash-flow-Rate zeigt auf, welcher Anteil des Umsatzes an liquiden Mitteln im Unternehmen verbleibt und für Investitionen, Kapitaltilgung und Gewinnausschüttung zur Verfügung steht.

Cash-flow-Rate = (Cash flow / Umsatz) x 100

Alternativ berechnen Banker EBIT und EBITA um die Kapitaldienstfähigkeit von Unternehmen zu beurteilen. Die Definition dieser Begriffe finden Sie im verlinkten Beitrag.

 

Mein Tipp: Die Aufgabe von Steuerberatern ist es, die Steuerlast ihrer Mandanten möglichst klein zu halten. Gerade bei erfolgreichen Unternehmen wird das Ergebnis daher so niedrig wie möglich ausgewiesen. Dadurch verschlechtert sich nicht nur das Ergebnis des Bilanzratings, sondern es verschlechtern sich auch die Konditionen für künftige Finanzierungen. Es gilt beide Aspekte – Steuer und Kreditwürdigkeit – im Auge zu behalten.

 

 

Kennzahlen zur Unternehmensliquidität

 

Wenn es hart auf hart kommt geht es alleine darum: Kann das Unternehmen seine Rechnungen bezahlen oder nicht. Also: Ist das Unternehmen liquide oder nicht?

 

Liquiditätsgrade

Allerdings weisen die Kennzahlen der Jahresabschlussanalyse lediglich stichtagsbezogene statische Liquiditätskennzahlen aus. Eine positive statische Liquidität zum Bilanzstichtag ist kein Garant dafür, dass ein Unternehmen zum aktuellen Stichtag tatsächlich zahlungsfähig ist. Es geht bei diesen Kennzahlen primär darum aufzuzeigen, ob ein Unternehmen das in Vermögenswerten gebundene Kapital so freisetzen kann, um seine Zahlungsverpflichtungen fristgerecht erfüllen zu können.

Liquidität 1. Grades (cash ratio) = flüssige Mittel / kurzfristige Verbindlichkeiten

Als flüssige Mittel gelten Kassenbestand, Bankguthaben und Wertpapiere, die sofort verkauft werden können.

Zu den kurzfristigen Verbindlichkeiten (Laufzeit höchstens 1 Jahr) zählen Verbindlichkeiten aus Lieferung und Leistung, Kontokorrent- und andere kurzfristige Kredite sowie kurzfristige Rückstellungen.

Liquidität 2. Grades (quick ratio) = (flüssige Mittel + kurzfristige Forderungen) /kurzfristige Verbindlichkeiten
Liquidität 3. Grades (current ratio) = (flüssige Mittel + kurzfristige Forderungen + Vorräte) / kurzfristige Verbindlichkeiten

 

Working Capital

Working Capital, manchmal auch als Betriebskapital bezeichnet, zeigt die Differenz zwischen kurzfristig gebundenem Unternehmensvermögen und den kurzfristigen Verbindlichkeiten auf. Die Kennzahl sollte immer positiv sein. Andernfalls wäre auch langfristig gebundenes Vermögen nur kurzfristig finanziert.  Das würde dem Grundsatz einer stabilen Finanzierung widersprechen.

 

Working Capital = Umlaufvermögen – kurzfristige Verbindlichkeiten)

 

Was sich hinter der Kennzahl Working Capital alles versteckt, finden Sie im verlinkten Beitrag.

 

Fazit:

Kennzahlen sind keineswegs nur trockene Zahlen. Ganz im Gegenteil: Sie sind ein munteres Völkchen und wer sie zu lesen versteht bekommt spannende Informationen über das eigene Unternehmen. Und über die Unternehmen der Wettbewerber. Allerdings sagen viele Kennzahlen isoliert betrachtet nur wenig aus. Interessanter ist es, die beschriebenen Kennzahlen insgesamt im Auge zu behalten und ihre Entwicklung im Zeit- und im Branchenvergleich zu verfolgen.